Vom Schul-Filmclub zu Deutschlands größtem privaten Filmarchiv: Frank Beckers Geschichte erinnert an einen Kassenschlager „Made in Hollywood“. Geschrieben hat sie jedoch kein findiger Drehbuchautor, sondern der Bielefelder selbst. Wie aus einem Hobby mit Leidenschaft und Beharrlichkeit das renommierte „Medienarchiv Bielefeld“, die Frank Becker-Stiftung, wurde, erzählt uns der 66-Jährige im Interview.
Herr Becker, alles begann mit Ihrer „Begeisterung für das Filmwesen“. Woher kam diese Begeisterung und wie nahm ihre Entwicklung Fahrt auf?
Mit vierzehn wollte ich etwas machen, was die anderen nicht konnten. Also habe ich auf einer Schulversammlung all meinen Mut zusammengenommen und verkündet, dass ich einen Filmclub mache. Ich durfte den Projektor der Schule benutzen und habe in der Aula mit 630 Sitzplätzen für ein Eintrittsgeld von einer D-Mark Filmvorführungen angeboten. Da hatte ich Blut geleckt!
Der nächste Schritt war dann der Kauf eines eigenen alten Projektors?
Richtig. Nun brauchte ich aber auch einen Film. In unserer Schule lag einer, den ich mitnehmen durfte. Ich war stolz wie Oskar und habe den Film im Kinderzimmer meinem Vater vorgeführt: Es war der Originalfilm der 800-Jahr-Feier von Brackwede, der seit 25 Jahren als verschollen galt. Diesen Film habe ich im Rathaussaal vorgeführt, wo ich ihn als städtisches Eigentum dann aber abgeben musste. Ich bekam schließlich aus einer anderen Schule einen 35 mm-Kinofilm – ein Format, das ich vorher noch nie gesehen hatte. Also ging ich auf der Suche nach Unterstützung in ein Bielefelder Kino, wo ich zum ersten Mal einen Vorführraum betreten habe. Ich war begeistert! Letztendlich wurde ich im Rahmen von Vertretungen selbst als Filmvorführer in den Bielefelder Kinos tätig.
Ging es so weiter: mit immer neuen Kontakten und Chancen sowie dem Mut, sich darauf einzulassen?
Absolut. Durch meine Verbindung mit den Bielefelder Kinos habe ich aus dem Palast-Kino einen ausrangierten 35 mm-Filmprojektor bekommen, für den mir der Bielefelder Filmverleih „Mercator“ alte Filme geschenkt hat. Ebenso bekam ich von Horst Rademacher wöchentlich die „Fox tönende Wochenschau“. Bei „Mercator“ habe ich schließlich fast zehn Jahre nach Feierabend im Schneideraum gearbeitet. Dadurch habe ich viele Filmverleiher kennengelernt, die mir ganze Kofferraumladungen an Filmen mitbrachten. So „explodierte“ die Sache förmlich.
Das Medienarchiv Bielefeld und Ihre Stiftung sind längst ein Begriff. Aber was genau machen Sie?
Ein wichtiges Anliegen ist die Archivierung und Bewahrung von analogem Film- und Tonmaterial sowie der dazugehörigen Technik. Auch ein Schallarchiv mit über 45.000 Magnetbändern habe ich aufgebaut. Darüber hinaus kooperieren wir mit Fernseh- und Rundfunkanstalten, Museen, Kinos, anderen Archiven und weiteren Institutionen, denen wir beratend sowie mit der Bereitstellung von Film- und Tonmaterial zur Seite stehen. Außerdem bieten wir Führungen durchs Archiv an, betreiben ein Rundfunkstudio und haben über die Jahre sechs Kinos in der Region gegründet und betrieben. Im „Melodie“-Filmtheater in der Kölner Straße 40 spielen wir jeden Freitag analog von der Rolle Filmklassiker und eine zeithistorische Wochenschau.
Ein Leben für den Film also! Was sind Ihre persönlichen Highlights – und Rückschläge?
Ein Rückschlag war der Brand des Filmarchivs in der Brackweder Treppenstraße im August 2022. Rückblickend hatten wir Glück im Unglück: Von rund 30.000 Filmen sind „nur“ 400 verbrannt, außerdem leider das Plakatarchiv. Seit 2023 befindet sich das Hauptlager im ehemaligen „Zentral“-Filmtheater in der Hauptstraße 127. Es freut mich sehr, dass in dem ehemaligen Kino, dessen Nebenräume wir in den Originalfarben samt rotem Teppich im Gang wiederherrichten lassen haben, wieder filmisches Leben eingezogen ist. Ein Highlight ist darüber hinaus natürlich die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Kulturpreis des Landes NRW etc. Auch Erlebnisse wie die WDR 4-Aktion vor einigen Wochen, bei der eine junge Frau für ihre Oma einen alten Kinofilm suchte, sind eine tolle Bestätigung. Ich hatte nicht nur den Film, sondern konnte die Familie zu einer richtigen Kinovorstellung mit weiteren Gästen, einem Filmteam des WDR und Live-Schalte ins Radio einladen. So bleibt es immer spannend!
Infos zur Stiftung unter www.medienarchiv-bielefeld.de