TILLA, DIE TEUTO-FEE
TILLA UND DER STREIT IM WALD
Im warmen Nachmittagslicht des Teutoburger Wald glitzerte der Waldboden wie mit kleinen Sternen bestreut. Zwischen Farnen und alten Bäumen schwebte Tilla, die Teuto-Fee, und ließ mit ihrem Feenstab funkelnden Staub durch die Luft tanzen. Da hörte sie plötzlich laute Stimmen.
„Das war mein Stock!“, rief der neunjährige Marc wütend. „Nein, ich hab ihn zuerst gesehen!“, entgegnete die ein Jahr ältere Julia, die Arme fest verschränkt.
Tilla seufzte leise und flog näher heran. „Oh je“, murmelte sie, „hier braucht jemand ein bisschen Feenzauber – aber nicht den, den ihr denkt.“ Sie landete sanft zwischen den beiden Kindern, ihr Feenstab leuchtete schwach.
„Hallo“, sagte sie freundlich. „Ich bin Tilla. Was ist denn hier los?“
Die Kinder redeten sofort durcheinander, jeder wollte zuerst erklären, warum er im Recht war. Tilla hob lächelnd die Hand. Ein Hauch Feenstaub glitt durch die Luft – und plötzlich wurde es ganz still, als hätte der Wald selbst beschlossen zuzuhören.
„Einer nach dem anderen“, sagte Tilla ruhig. „Und der andere hört wirklich zu.“
Der Junge begann: „Ich hab den Stock gefunden und wollte damit ein Schwert machen. Dann hat sie ihn einfach genommen!“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich hab gesehen, dass er auf dem Boden lag, und dachte, niemand braucht ihn. Ich wollte ihn als einen Zauberstab verwenden!“
Tilla nickte langsam. „Seht ihr? Zwei Geschichten, ein Streit.“
Sie ließ ein paar glitzernde Funken aufsteigen, die sich in kleine Bilder verwandelten: einmal die Sicht des Jungen, dann die des Mädchens. Die Kinder staunten. „Manchmal“, erklärte Tilla sanft, „fühlt sich etwas für jeden von euch ganz anders an. Das nennt man Empathie – zu verstehen, wie sich der andere fühlt.“
Der Junge sah das Mädchen an. „Du wolltest mir den Stock gar nicht wegnehmen, oder?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein … ich dachte wirklich, er gehört niemandem.“ „Und du warst enttäuscht, weil du ihn schon gefunden hattest“, sagte sie nachdenklich. Tilla lächelte zufrieden. „Jetzt hört ihr einander zu.“
Die beiden Kinder sahen sich an, und langsam mussten sie lachen. „Vielleicht … können wir ihn teilen?“, schlug der Junge vor. „Oder abwechselnd benutzen!“, ergänzte das Mädchen.
Tilla klatschte leise in die Hände, und ein sanfter Glanz legte sich um die drei. „Genau das ist der beste Zauber: miteinander reden und einander verstehen.“
Die Kinder nickten, und der Streit war vergessen. Gemeinsam liefen sie los, mal als Ritter, mal als Zauberin, und der Stock wurde plötzlich zu beidem. Tilla schwebte wieder in die Höhe und sah ihnen nach. „Ein bisschen Zuhören“, flüsterte sie, „kann mehr bewirken als jeder Feenstaub.“ Und irgendwo zwischen den Bäumen funkelte es zustimmend.





