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JÖRG DÖRSCHELN

INTERVIEW

Im „Land des Bieres“ gehört mindestens eine Kiste davon in den meisten Haushalten zur Grundausstattung. Im Keller sein eigenes Bier zu brauen, zeugt schon von deutlich mehr Hingabe. Jörg Dörscheln hat genau das getan. Mit seiner Brauerei „Blackman’s Craft“ in Bielefeld hat er sein Hobby mittlerweile zum Beruf gemacht. Im Interview erzählt er vom Bierbrauen, der Geschichte des Gerstensaftes und „Fun Facts“ wie der Sache mit dem Reinheitsgebot.

 

 

Herr Dörscheln, wie kommt man dazu, selbst Bier zu brauen, statt einfach in den Laden zu gehen?

Ich vergäre schon seit meinem 18. Lebensjahr alles, was nicht niet- und nagelfest ist – angefangen bei Fruchtweinen. Dafür braucht man nicht viel Ausstattung, und wegen des Alkoholgehaltes ist auch die Haltbarkeit unproblematisch. Zum Bierbrauen bin ich gekommen, als mir auffiel, dass die Auswahl im Handel zurückgegangen ist. Immer mehr Konzerne kaufen heute die Marken auf – zu Lasten der Vielfalt.

 

Also haben Sie einfach Ihr eigenes Bier hergestellt?

Sozusagen. Das Bierbrauen ist allerdings aufwändiger als die Herstellung von Fruchtweinen, und das Equipment ist teuer. Für die ersten Versuche reichen aber Omas Einkocher mit Auslaufhahn, ein Durchschlag und ein Gärbehälter. Ähnlich bin ich in meinem Keller gestartet und habe mich erst einmal damit beschäftigt, wie die Vergärung funktioniert. Dazu braucht man ein paar Kenntnisse in Biochemie und Erfahrung. Glücklicherweise gibt es eine große Hobbybrauer-Szene mit einem funktionierenden Erfahrungsaustausch und viele frei verfügbare Rezepte.

 

Irgendwann ist das Hobby „eskaliert“, um es mit Ihren Worten zu sagen, und zum Beruf geworden.

Richtig. Dafür habe ich mir acht Jahre Zeit genommen, immer neue Rezepte ausprobiert und vor allem Testpersonen um Feedback gebeten. Hauptberuflich mache ich das Ganze seit 2020: zufällig genau seit dem 23.04., dem Tag des Bieres! Heute gibt es bei Blackman’s Craft unterschiedlichste Biersorten von Senne Lager, MyBock, dem Hellen und Keller bis hin zum Queller Pale Ale und Hausmutters Weizen, die bei uns und in lokalen Verkaufsstellen verfügbar sind. Im letzten Jahr haben wir insgesamt etwa 200 Hektoliter Bier gebraut.

 

Das Biertrinken selbst ist ja nur ein Teil des Ganzen: Was fasziniert Sie so an dem Getränk und seiner Herstellung?

Neben der Tatsache, dass ich natürlich gerne Bier trinke, beginnt die Faszination für mich schon bei seiner Geschichte. Die meisten Menschen wissen nicht, dass das Bierbrauen ursprünglich ein reines Frauenhandwerk war, nicht etwa die Erfindung bayerischer Mönche. Im Mittelalter haben die Hausfrauen Bier hergestellt, das übrigens sauberer und gesünder war als das damalige Trinkwasser. Und statt des Kaffeekränzchens hat man sich zu einem „Bierkränzchen“ getroffen.

 

Apropos Sauberkeit: Was hat es mit dem berühmten Reinheitsgebot auf sich?

Auch das ist kurios. Die als „Reinheitsgebot“ bezeichnete Verordnung geht zurück auf eine 1516 erlassene Landesordnung im Herzogtum Bayern. Dort heißt es, dass zur Bierherstellung allein Gerste, Hopfen und Wasser verwendet werden dürfen. Damit sollten die Bekömmlichkeit sichergestellt, andere Getreidesorten für die Brotherstellung „aufgespart“ und später die Einfuhr von beispielsweise gezuckerten Bieren aus anderen Bundesländern unterbunden werden. Wir sprechen also von einer cleveren Strategie, die als „Gebot“ sehr verbindlich klingt. Im Übrigen fehlte in der ursprünglichen Landesordnung die obligatorische Hefe. In meine Biere kommen ausschließlich Wasser, Malz, Hopfen und Hefe – das entspricht dem, was heute als „gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot“ verstanden wird.

 

Sind solche Anekdoten auch Teil Ihrer Bier-Brau-Seminare?

Unbedingt! Bei den Seminaren zeige ich direkt in der Brauerei, wie die Bierherstellung funktioniert und teile meine Begeisterung für die Geschichten dahinter. Bei Essen und Getränken brauen wir dann ein Bier nach Wunsch, das die Teilnehmenden nach sechs Wochen fertig abgefüllt abholen können. Nach dem Kurs wissen sie außerdem alles, um zu Hause selbst loszulegen.

 

Neben aller Begeisterung: Welche Herausforderungen erleben Sie als Bierbrauer und Unternehmer?

Am herausforderndsten ist die dazugehörige Bürokratie! Außerdem muss man die Preisgestaltung im Auge behalten. Ich werde oft gefragt, warum ich mein Bier nicht online vertreibe, aber die hohen Kosten für Leergut und Transport machen das sowie insbesondere die Flaschenware unattraktiv. Deshalb stehen das Lokale und das Erlebnis im Vordergrund: von den Seminaren bis hin zur Präsenz auf Stadtfesten oder eigenen Veranstaltungen wie dem Brauereifest am 1. Mai, zu dem alle Interessierten herzlich willkommen sind.